»Phönix«

Geschrieben │ Januar 2025
Anlass │ Ausschreibung des Literaturvereins Trapez für den Sammelband N° 5
Thema │ »Feuer, Flammen, Staub«
Umfang │ Maximal 8.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen)
Veröffentlichung │November 2025 im Sammelband »Trapez.N°5«

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Inhalt

Maya und Leo sind ein Traumpaar – so wirkt es zumindest. Aber Leo ist ein Meister der Verstellung und er hat nicht nur Maya verzaubert, sondern auch alle Menschen in ihrem Umfeld. Sie ahnen nicht, was Leo ihr hinter geschlossenen Türen antut. Und sie würden es Maya auch nie glauben. Sie will fliehen, aber das ist unmöglich. Es gibt nur eine Möglichkeit zu entkommen und die ergreift sie schließlich.

Teaser

Ich hasse jeden Tag der Woche. Aber mehr als alle anderen Tage hasse ich den Samstag. Weil er der falscheste aller Tage ist. Nicht der schmerzhafteste, das ist der Sonntag, aber der falscheste.
Leo und ich fahren jeden Samstag einkaufen. Ich muss die Red-Bull-Dosen in den Pfandautomat schieben. Leo liebt Red Bull. Tagsüber pur, abends mit Wodka oder Gin.
Mir wird seit Langem schlecht von diesem Geruch, den die leeren Dosen ausströmen. Zweimal habe ich mich schon in die Mülleimer neben den Automaten übergeben. Seitdem esse ich nichts mehr vor dem Einkaufen, dann würge ich nur.
Ich schiebe eine Dose nach der anderen in den Schlund des Automaten. Der Schlund ist auf Augenhöhe. Ich kann die Transportbänder beobachten, wie sie die Dose drehen und wenden, für zulässig befinden und schließlich abtransportieren, nach hinten in die Schwärze. Das grün flackernde Neonlicht tut sein Übriges und jede Dosenfahrt will mir wie ein Verweis auf mein Schicksal erscheinen.
Auch ich wurde gedreht und gewendet, für passend befunden und in die Finsternis hinabtransportiert. Eine Finsternis, in der völlige Zerstörung wartet. Das Zerquetschtwerden in der Presse. Ich höre es. Ein Geräusch, das kein Erbarmen kennt, gegen das nichts ausgerichtet werden kann. Ein Tod, der nach Red Bull riecht.
Ich würge und ziehe den Pfandflaschen-Bon, den ich Leo überreichen muss. Er zählt die Flaschen und Dosen ab. Er weiß immer genau, wie hoch der Betrag sein wird.
Ich wünschte, ich wäre nicht »seine Flamme« gewesen. Ich wünschte, er hätte mich übersehen.
»Liebe auf den ersten Blick«, nannte er es. In gewisser Weise glaube ich ihm das sogar. Liebe im Sinne von sich etwas einverleiben wollen, es besitzen wollen.
[…]

Phönix
Das letzte Interview

»Das letzte Interview«

Geschrieben │ Januar 2025
Anlass Anthologie-Ausschreibung zur »Blutnacht«
Parameter │Eine Kreatur/Fabelwesen mit eindeutigem Bezug zu Blut und in einer zentralen Rolle, idealerweise aus der Folklore oder einer bereits existierenden Sage und/oder Blut selbst als zentrales Element deiner Geschichte. So wäre z. B. eine Geschichte über einen Vampir ebenso denkbar wie die über eine Sekte, die düstere Blutrituale durchführt.
Umfang │ 7.000 Wörter
Veröffentlichung │2026 in der Anthologie

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Inhalt

Irina Mitchell ist auf der Suche nach dem Übersinnlichen. Deshalb studiert sie Psychologie und schreibt in ihrer freien Zeit für ein kleines Magazin, das sich dem Übernatürlichen gewidmet hat. Irinas nächste Recherche führt sie nicht zu einem Geisterhaus, sondern zu einem angesagten Nachtclub, dessen Besitzer laut Stadtlegende blutdurstig und unsterblich sein soll. Es ist ihr letztes Interview.

Teaser

Ich war bereits eine halbe Stunde zu spät. Echt unprofessionell, auch wenn man nur für ein ziemlich schräges Magazin schreibt.
„THE SINISTER LEGENDZ“ erscheint einmal im Quartal und hat eine erstaunlich große Fanbase. Im „SiLe“, wie wir es nennen, gibt es Zeugeninterviews , Bildanalysen, eine erstaunlich gute Witze und Rätselseite und natürlich das Kernstück: Reportagen über Orte, um die sich „Urban Legends“ ranken, jeweils eingeteilt in „Myth Busted“- oder „Myth Trusted“-Artikel. Und genau zu so einer Location war ich jetzt unterwegs – und bereits dreißig Minuten zu spät.
Ich hasse Unpünktlichkeit und die immer gleichen Ausreden hören sich nur noch lächerlich an, weshalb ich dazu übergegangen bin, sie mir und meinem Gegenüber zu ersparen und es bei einer schlichten Entschuldigung zu belassen. Allerdings setzte die Sommerhitze meinem klapprigen Toyota ziemlich zu und es bestand eine recht hohe Wahrscheinlichkeit, dass ich mein verspätetes Eintreffen mit dem Anruf bei einem Abschleppdienst abrunden würde. Gestrandet auf dem Parkplatz des „House of Darkness“ – was selbst in der Nacht unter den Blicken von hunderten Besuchern nicht peinlicher sein könnte, da ich tatsächlich einen Interviewtermin mit dem sagenumwobenen Besitzer hatte – nicht Tyron Lawless dem medienbekannten Manager, sondern mit Lloyd Fletcher himself, aka. „The Lord of Darkness“.
Ein Mann, der alles an Öffentlichkeitsarbeit an Lawless delegierte, der keine Interviews gab und den man – so sagten es die Legenden –, nur dann im „House“ sah, wenn ihm der Sinn nach einem willigen Amüsement stand, mit dem er unangestrengt und mühelos seinen Durst stillen würde.
„The HoD“ – was nur eine der zahlreichen Kurzformen war, mit denen man das „House“ bedachte – war seit zwei Dekaden der angesagteste Club an der Westküste, allerdings alles andere als Mainstream. EDM und Dark Wave only. Die Türsteher galten als Petrus’ Statthalter hier auf Erden und die Einlass-Policy war so strikt wie unvorhersehbar.
Es hatte über ein Dutzend Angriffe gegeben, alle mit Schusswaffen und jedes Mal waren neue Sicherheitselemente hinzugekommen. Inzwischen standen die Türsteher hinter einer Wand aus Panzerglas und drückten auf einen Knopf, um das Drehkreuz freizugeben. Dahinter folgte eine Kontrolle wie am Flughafen. Eine Waffe in der Tasche oder der Jacke führte direkt zu einer Anzeige und natürlich Hausverbot, das mit Hilfe von Gesichtserkennung nicht auf menschliche Erinnerung angewiesen war. Es gab Nächte, da warteten Polizeiautos wie Taxis auf dem Parkplatz – so stand es zumindest in zwei Reportagen über das „House“.
Es hieß, dass die Türsteher ehemalige Blackwater-Söldner seien, die hier mehr verdienen würden, bei weit weniger Arbeitsstunden und wesentlich geringerem Risiko. Vermutlich nur ein Gerücht, Fakt war aber, dass bei den fünfzehn Angriffen nicht einer von ihnen verletzt wurde. Sieben Tote und vier Schwerverletzte zählte allein die Gegenseite. Auch das ein Teil des „House of Darkness“-Mythos.
[…]

#CubeStories

#CubeStories sind genau, was der Name verspricht: Geschichten, deren Parameter ausgewürfelt werden. Wer das gerne mal in bewegten Bildern verfolgen will, kann das in diesem TikTok-Video. Die Kurzgeschichte, die aus dieser Ziehung entstand, war die #CubeStory No 5.

Wenn ihr mehr zu den Hintergründen wissen wollt, warum die #CubeStories ganz unbedingt in die #Toolbox des Handwerks gehören, kann das unter Werkzeugkiste/#CubeStories nachlesen.

Wen die fertigen Geschichten interessieren, der kann sie alle kostenfrei und in voller Länge auf »Ko-fi« lesen. Keine Anmeldung und kein Account erforderlich.

Die #CubeStories – so far:

#1 »GUT POLIERT«
Ein Hyperraum-Jump geht schief und Captain Matthew Stinger steckt in einem Kloster fest. Und wie!

#2 »ZAUBERBOHNE«
Eine bösartige Fee wirft jedes Jahr eine Zauberbohne in eine Höhle mit Fledermäusen. Not nice!

#3 »THE GIRL ON THE BEACH«
Big-Brother-Reality-Show 3.0.

#4 »DER SPRUNG«
Ein Eiffelturm-Souvenir erinnert sich an gute Zeiten. Aber dann bekommt er die Gelegenheit ein Leben zu retten.

#5 »DER TAG, AN DEM ISSY STARB«
Was, wenn ein einziger Satz den Tod des eigenen Kindes verursacht?

#6.1 »UNGÜNSTIGE GEMENGELAGE«
In einer US-Kleinstadt wird eine vermeintliche Hexe verbrannt. Das FBI ermittelt.
(Inspired by true events.)

#6.2 »GRANDIOSE SHOW«
Aliens in einer Mall in Miami?
(Inspired by true events.)

#7 »WAS HINTEN AUF DER WIESE LAG«
Was, wenn man zu unrecht des Mordes beschuldigt wird?
Was, wenn man genau deshalb zum Mörder wird?

#8 »DER KÖNIG IST ERWACHT« (Part 1)
Ein Unsterblicher erwacht nach langem Schlaf in einer Höhle. Die Welt hat sich verändert – seine Rachsucht nicht.

#9 »DAS UNGEHEUER« (Part 2)
Ein Camp von Archäologen wird von einem Amokläufer attackiert. Oder war es doch etwas anderes?

CubeStories Zwischenstand
Die letzte Seuche

»Die letzte Seuche«

Geschrieben │April bis Juni 2023
Anlass Anthologie-Ausschreibung des Elysion Verlags
Parameter │ Gute Zombies, Böse Zombies, Zombie-Zombies. Manche kommen wieder, um sich an einer einzien Person zu rächen, manche wollen gleich die ganze Menschheit vernichten. Und andere haben einfach nur Hunger. Oder gibt es auch andere Wiedergänger?
Umfang │ Bis zu 36.000 Zeichen
Bezugsquellen │Überall, wo es Bücher & eBooks gibt
ISBN 978-3-96000-348-9 │Paperback │eBook
Veröffentlicht │April 2025 in der Anthologie »Manchmal kehren sie wieder«

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Inhalt

Juno ist so gut wie tot. Sie hat die Seuche, die jeden in einen Zombie verwandelt. Deshalb ist sie untergetaucht und versteckt sich in einer Hütte draußen im Wald. Wenn der Zivilschutz sie findet, wird sie in eins der tausend Camps gebracht – und das darf auf keinen Fall passieren.

Teaser

Tag 58
Mein Name ist Juno und ich werde sterben. Nicht irgendwann, sondern in zwei Wochen. Mehr ist nicht drin. Wenn die ersten Ausfallerscheinungen eintreten, im Jargon der Apokalypse nennen wir sie »Aussetzer«, dann ist es Zeit, mir den Schuss zu setzen. Wenn ich merke, dass ich zu feige bin, dann wird Mark den Zivilschutz verständigen. So lautet unsere Vereinbarung. Denn was ich wirklich nicht sein möchte, ist ein weiterer Shedding-Multiplikator. Was ich aber auch nicht sein will, ist eine rechtlose Ansammlung von Biomüll, die in einem der Camps darauf wartet, fristgerecht entsorgt zu werden.
Das Schreiben ist sowas wie eine Beschäftigungstherapie gegen die Langeweile und die Einsamkeit hier draußen. Eine Art Abrechnung mit vergangenen Generationen, denen wir dieses Ende verdanken und eine Warnung an den Menschen der Zukunft, wenn es denn eine Zukunft für ihn gibt. Oder poetischer: Mein Abschiedsbrief an das verrinnende Leben in einer verlöschenden Zivilisation.

Tag 59
Unter »Zombie Apokalypse« habe ich mir immer fulminante Action vorgestellt. Eine Zeit der Helden und der Freundschaft. »The Walking Dead«, aber eben in echt. Man zieht durch das Land, immer auf der Suche nach Nahrung und Sicherheit, zehrt von den letzten Resten Infrastruktur und Zivilisation. Klar, gibt es Bad Boys, aber im Großen und Ganzen hält die Gruppe eisern zusammen und verlässt sich aufeinander. Eine Zeit, in der jeder an seine Grenzen kommt, aber gleichzeitig auch über sich hinauswächst. Unmögliches wird möglich. Ein gesamtgesellschaftliches Heldenepos.
Aber so ist es nicht. Überhaupt nicht. Die echte »Zombie Apokalypse« ist in erster Linie geprägt von unermesslicher Bürokratie.
[…]

»Eine echt schlechte Idee«

Geschrieben │ Februar 2023
Anlass│Zufallsfund
Erschienenkostenfrei auf Patreon zu lesen

Sabrina stand in ihrer viel zu dünnen Strickjacke zitternd auf dem Opernplatz und hauchte sich in die Hände. Es war stockfinstre Nacht, gefühlt minus 10 Grad. Kerstin saß auf dem eiskalten Marmorstufen und heulte.
Sabrina hätte Kerstin gerne an den Haaren gepackt und geschüttelt, denn es war schließlich Kerstins Idee gewesen noch mal runterzufahren – „eine rauchen“ – und es war ihre Scheißidee gewesen, auf diese gottverdammte Taste zu drücken. Eine Taste auf der ein kleines, gelbes Post-it klebte, mit der Aufschrift: „13. OG Nicht drücken“. Wer schreibt so ein idiotisches Post-it?! Und wer ist dann auch noch so umnachtet und drückt auf diese Taste?
Zumindest die Antwort kannte sie: Ihre Kollegin Kerstin. Danke vielmals!
Und dabei hatte der Abend so gut angefangen.
[…]

Ungekürzt und kostenfrei auf Patreon zu lesen.

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13. OG nicht drücken

Foto: Johanna Wolfmann
(Fundstück aus der Realität. Dieses Post-it klebte tatsächlich in allen Aufzugskabinen eines relativ großen Bürogebäudes in der Frankfurter Innenstadt.)

Glutnacht

»Schattenmädchen«

Geschrieben │ November 2022 bis März 2023
Anlass │ Anthologie-Ausschreibung
Parameter │ Ein Fabelwesen mit eindeutigem Bezug zu Feuer und in einer zentralen Rolle, idealerweise aus der Folklore oder einer bereits existierenden Sage oder Feuer selbst als zentrales Element der Geschichte.
Umfang │ Zwischen 4.000 und 10.000 Wörtern
Veröffentlicht │ Oktober 2023 in der Anthologie »Glutnacht – Dunkle Folklore«
Bezugsquellen AmazonThalia
ISBN 978-3-7579-5667-7 │Paperback │eBook (Kindle Unlimited)

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Inhalt

Die Alten haben vor langer Zeit einen teuflischen Pakt zum Schutz des Tals geschlossen. Seitdem wird jedes Jahr ein Mädchen geopfert. Die Wahl des Opfers trifft der Dämon selbst, indem er seinen Schatten auf das Mädchen wirft. Am Tag der Sommersonnenwende wird die Auserwählte auf dem Scheiterhaufen verbrannt. In diesem Jahr ist es Valeria. Aber als das Feuer auflodert, geschieht etwas Unerwartetes: Sie überlebt und findet sich im Reich des Dämons wieder. Ein gedankliches Ringen beginnt, das Freund und Feind in Frage stellt.

Teaser

In jedem Jahr wurde dem Dämon ein Mädchen geopfert. Diese Bürde verteilte sich auf alle sieben Dörfer im Tal. Wenn reichlich Regen fiel, waren die Felder fruchtbar und die Weiden saftig, aber im Herbst wurde die Hitze sengend und schien nur darauf zu warten, alles in Flammen aufgehen zu lassen – dies war der Grund, warum die Alten vor langer Zeit den Pakt geschlossen hatten.
Der Dämon hielt Wort und schützte die Dörfer vor den Flammen, wenn er die eingeforderte Gegenleistung erhielt. Wenn nicht, blieb nur Asche von jenem Dorf, das sie verweigerte.
Wie alt der Pakt war, konnte niemand mehr sagen, aber alle wussten, wie viele Jahre vergangen waren, seit Terem gebrannt hatte, wie viele seit Marum. Drei Brände in hundert Jahren und immer, weil man das Opfer nicht erbracht hatte. Entweder weil sich das Mädchen das Leben nahm oder weil man sich ein Herz fasste und sie verschonen wollte. Zuletzt Meret, das Dorf im Norden, vor drei Jahren. Inzwischen war es wieder aufgebaut, aber es gab noch Spuren. Spuren, die man als Mahnung verstand, nicht wieder gegen den Schwur zu verstoßen.
Niemand aus den sieben Dörfern sprach jenseits des Tals von diesem Pakt, weil man nicht als wahnsinnig gelten oder als Hexer erschlagen werden wollte. Es war besser zu schweigen.
Vor drei Jahren, als Meret brannte, hatte Valeria an der Seite ihres Vaters den Schein der Flammen in der Dunkelheit gesehen und diesen Anblick nie vergessen.
»Es ist zu lange nichts geschehen«, sagte ihr Vater grimmig. »Sie waren sich zu sicher. Das haben sie nun von ihrem Hochmut.«
[…]

»TimeTravelPro«

Geschrieben │ Februar 2023
Anlass Instagram-Challenge/Schreibwettbewerb „Bookdate Contest“
Parameter │ Aus einem der drei Genres Romance, Fantasy oder Crime einen Text über das Thema »Ich hab noch nie …« verfassen, mit passendem Bild.
Umfang │ Maximal 2.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen)

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Der letzte Kunde betrat den Meetingraum und Leyla grüßte ihn zuvorkommend. Leyla arbeitete seit 5 Jahren als TravelStewardess. Sie war für das Einführungsbriefing zuständig und für die Kontrolle der standardmäßig implantierten Trackerchips – Sensoren, mit denen das System die Kunden von ihren Reisen zurückholte. Jeder Trip war auf maximal drei Stunden beschränkt, die so viel kosteten wie Leylas Jahresgehalt.
„Herzlich willkommen bei TimeTravelPro. Ich erläutere Ihnen im Folgenden den Verhaltenskodex und dann kontrolliere ich Ihre Tracker. Sollten Sie Fragen haben, stehe ich jederzeit gerne zur Verfügung.“
Wie oft hatte sie diesen Satz gesagt? Und genauso oft hatte sie die Regeln erklärt. Aber im Grunde gab es nur eine von Belang: Es war strikt untersagt, einen TimeNative über zukünftige Ereignisse zu informieren.
Short Story »TimeTravelPro«

Was schlicht daran lag, dass TimeTravelPro exakt 14 TimePoints anbot, aus denen die Traveler auswählen konnten. 14 Zeitpunkte in der Menschheitsgeschichte, die eins gemeinsam hatten: alle unmittelbar vor einer Katastrophe. Es spielte also keine Rolle, ob die TimeNatives etwas Seltsames beobachteten – sie wären binnen weniger Stunden ohnehin ausgelöscht.
Der Konzern konnte nicht sehen, was die Travelers während ihres Aufenthalts anstellten – außer sie schickten Guides mit (was vorkam), aber oft konnte man es durch die derben Gespräche beim Debriefing erahnen. In 9 von 10 Fällen war es dasselbe Motiv.
Während Leyla die Gruppe zu ihren TravelUnits führte – luxuriös gepolsterte Glasröhren – dachte sie wie stets darüber nach, welchen TimePoint sie wählen würde. Was wäre die perfekte Epoche? Der beste Ort? Und was wäre, wenn sie sich dort den TrackerChip aus dem Arm schneiden würde?
„Ich hab noch nie in so einem Ding gelegen“, sagte eine besorgte Kundin im reiferen Alter, als Leyla die Verbindungen in deren Unit prüfte.
„Entspannen Sie sich“, erwiderte Leyla lächelnd. „Sie werden höchstens Schwindel empfinden. Ihr Erlebnis mit TimeTravelPro ist völlig sicher.“

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Nachbemerkung

Kurzgeschichten, zumal so hart beschränkt (< 2.000 Zeichen), sind üblicherweise keine Spielwiese, auf der ich mich gerne austobe. Das hat vor allem einen Grund: Wenn ein Wettbewerb bei mir Resonanz auslöst, also direkt Ideen triggert, dann investiere ich nicht wenig Zeit und Grips, damit sie reifen können. Oft gibt es dann einen Pfad, den diese Idee einschlägt, der zu einer komplexeren Geschichte führt – also kurz vor Roman. Dann setze ich mich an den Rechner und fange an zu schreiben – für den Wettbewerb – und die Zeichen zerrinnen mir unter den Tasten. Und dann heißt es: wegschlagen, loslassen, neuorientieren, bis dann nur noch der nackte Knochen der Idee übrigbleibt. Das ist ein interessanter Prozess, aber keiner, der mir besonders zusagt. Er reduziert zu brutal. Und auch jeder mögliche Satzrhythmus geht flöten, weil der Zeichen-Freiraum dazu fehlt. Diese Kurzgeschichte, die ich nur für diesen Wettbewerb geschrieben habe, wollte in der Ideenfindungsphase ganz woanders hin – es hätte Traveler gegeben, die im antiken Pompeji stranden und dann umgehend zurückgeholt werden müssen, ehe Erdbeben und Vulkanausbruch die Stadt verschlucken, nur gibt es bei der Rückholung erneut Probleme und … Tja, aber eben nicht bei < 2.000 Zeichen. Andererseits war so manche Kurzgeschichte genau das: der Ideenkern für einen Roman.

Short Story »TimeTravelPro«
Short Story »Fallengelassen«

»Fallengelassen«

Geschrieben │ 2022, August
Anlass │ Stort Story für Instagram
Parameter │ #BlackEyesAreLegion
»Black Eyes«, weil die privaten und öffentlichen Kameras schwarze Augen sind, die zunehmend jeden unserer Schritte verfolgen
Umfang │ 5.925 Zeichen (inklusive Leerzeichen)

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Sie saß nun schon seit knapp zwei Stunden auf der Polizeiwache und wartete darauf, dass ihre Anwältin aus dem Besprechungsraum zurückkam. Die Zeit, auf dieser alten, harten Bank, die auf dem grauen Flur der Wache stand, dehnte sich, wie sich Zeit noch nie gedehnt hatte. Das lag vermutlich am Adrenalin.
Unfassbar, dachte sie zum hundertsten Mal an diesem Abend, wie sich das komplette Leben in einem einzigen Augenblick auflösen konnte. Eben war noch alles gut. Und dann ein Klingeln an der Haustür. Ende. Das Leben, wie sie es gekannt hatten, war vorbei. Und wegen was? Einer nichtigen Rebellion. Nichts Weltbewegendes – eigentlich.
„Silke Feld?“, hatte der Beamte an der Haustür gefragt.
„Ja, das bin ich. Wie kann ich Ihnen helfen?“, hatte sie geantwortet. Unbesorgt. Aufrecht. Sie hatte sich nichts zuschulden kommen lassen. Nichts. Sie zahlten ihre Steuern, verdienten viel Geld, hatten ein prächtiges Haus, einen großen Garten und zwei wunderbare Kinder – ein perfektes Leben.
Sie war mit absoluter Sicherheit davon ausgegangen, dass die zwei Polizisten wegen etwas völlig Trivialem vor der Tür standen – denn ein Unfall konnte es nicht sein, Jörg war zuhause und die Kinder ebenso.
„Frau Feld, wir sind hier, um Ihren Sohn Tobias auf die Wache zu bringen. Hier ist der Beschluss.“
Sie hatte das Dokument an sich genommen, aber gelacht, weil jedes Wort des Mannes absurd war. Völlig absurd. „Wie bitte? … Ich verstehe nicht.“
„Frau Feld, Ihr Sohn hat den Tod eines Menschen zu verantworten.“
„Was?!“, hauchte sie. „Mein Sohn ist dreizehn. Was –“
„Wie gesagt, hier ist der Beschluss. Wir werden Ihren Sohn jetzt mitnehmen. Es steht Ihnen frei, ihn zu begleiten. Allerdings wird er mit Sicherheit noch heute Abend dem Jugendamt übergeben.“
Danach Filmriss. Sie hatte vermutlich nach Jörg gerufen. Vielleicht war Jörg inzwischen auch selbst zur Tür gekommen. Sie konnte sich nicht erinnern. Verlässliches Denken setzte erst wieder auf der Wache ein. Im Verhörraum, wo ihr der Sachverhalt dargelegt wurde: Ihr dreizehnjähriger Sohn, ein guter Schüler mit vielen Hobbys, ein wohlerzogenes Kind, hatte mit Freunden zusammen bei einem Fastfood-Restaurant Hamburger gekauft – etwas, das Silke überhaupt nicht gut fand. Das war der erste Akt der Rebellion, der auf die Mutter zielte. Der zweite Akt der Rebellion war, dass Tobias das Verpackungspapier einfach fallen ließ.
Silke hatte sich geweigert, das zu glauben. „Nein, Sie müssen sich täuschen. Das würde er nie tun.“
Der Beamte hatte einen Knopf auf der Fernbedienung gedrückt und der Monitor an der Wand zeigte Bilder einer Überwachungskamera. Silke kannte den Weg. Sie kannte diese Kamera.
Die Aufnahme zeigte Tobias mit seinen Freunden. Die Jungen lachten und stießen sich an. Sie öffneten die braunen Tüten und wickelten die Hamburger aus ihren glatten, dünnen Papieren. Und da war’s, zweifelsfrei, unbestreitbar: Tobias ließ das Papier einfach los. Es flog, groß und ungefaltet, einen Augenblick von einem Windzug getragen durch die Luft, ehe es zu Boden schwebte. So what? Davon geht die Welt nicht unter. Sie würde natürlich ein gewaschenes Wörtchen mit ihm reden.
„Okay, aber –“, der Beamte hob den Finger und signalisierte ihr, auf das Kommende zu achten. Die Aufnahme hatte keinen Ton, man hörte keine Stimmen, aber offensichtlich hatte jemand hinter den Jungs etwas gerufen, denn sie drehten sich um. Jetzt erschien ein Mann, der mit ausgestrecktem Arm hinter sich zeigte. Vermutlich auf das Papier, das inzwischen weitergesegelt war.
Tobias – ihr dreizehnjähriger Sohn, der ihres Wissens nach, niemals etwas Derartiges getan hatte – hob die Hand und zeigte dem Mann den Mittelfinger. „Fuck you“, sagte Tobias. Das musste man nicht hören, man sah es. Die dritte Rebellion. Eine Rebellion gegen das Bestehende. Gegen Anstand und Regeln. Aber eine erwartbare Erscheinung der beginnenden Pubertät. „Hören Sie“, begann Silke, aber der Beamte schnitt ihr erneut mit einem Fingerzeig das Wort ab. Der Beamte drückte auf die Fernbedienung und die Bilder der Überwachungskamera zogen im Schnelldurchlauf über den Monitor. Menschen gingen von links nach rechts. Von rechts nach links. Zwischen all den Passanten schwebte immer wieder das dünne, seidige Papier in den Blickwinkel der Kamera. Wurde vom Wind nach rechts geweht. Nach links. Flog auf, sank nieder. Einmal drehte es mehrere Kreise an der Hauswand. Und dann lag es plötzlich still. Mitten auf dem Weg. Der Beamte ließ die Aufnahme nun mit normaler Geschwindigkeit weiterlaufen. Eine ältere Frau kam von links. Sie suchte etwas in ihrer Tasche, als sie auf das Papier trat. Die glatte Oberfläche des seidigen Papiers auf dem glatten Stein des Gehwegs: Sie rutschte augenblicklich aus, fiel nach hinten und schlug mit dem Kopf auf. Eine Aufnahme ohne Ton, aber Silke hatte das Gefühl, den dumpfen Schlag brechender Schädelknochen zu hören. Mehr noch: Sie fühlte die Wucht.
Die Frau blieb reglos liegen. Passanten kamen. Kümmerten sich. Unter dem Kopf der Frau breitete sich indessen ein dunkler Fleck aus, rann in die Ritzen der glatten Steine.
„Das ist Katja Lehmann“, sagte der Beamte. „Sie ist heute Nachmittag verstorben. Sie hinterlässt einen Mann, zwei erwachsene Kinder und drei Enkel.“
Was sollte sie sagen? Was könnte sie hervorbringen, um das Geschehene zu relativieren? Der Wind? Die glatten Steine? Die Unachtsamkeit der Frau?
Alles war zusammengekommen, hatte sich verschworen, gegen einen dreizehnjährigen Jungen, der nichts als ein Papier fallengelassen hatte.
Die Tür am Ende des Flurs öffnete sich und die Anwältin kam auf Silke zu.
„Frau Feld“, sagte die Anwältin im fahlen Neonlicht des Flurs. „Es tut mir sehr leid, aber der verschärfte Gefährder-Paragraph aus 2026 greift. Ihr Sohn wird mindestens bis zur Volljährigkeit in einer Erziehungsanstalt bleiben. Das Sorgerecht ist Ihnen und Ihrem Mann mit sofortiger Wirkung entzogen. Der Rechtsweg ist – aufgrund der eindeutigen Beweislage – leider ausgeschlossen.“

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»Findetier«

Geschrieben │ 2022, August
Anlass │ Instagram-Challenge
Parameter │ Eine Reisegruppe ist auf dem Weg zu einer Touristenattraktion. Plötzlich macht der Bus eine Vollbremsung; die Gepäckstücke fliegen durch die Gegend und wer nicht angeschnallt ist, fällt vom Sitz. Was ist passiert?
Umfang │ Maximal 2.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen)

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Ein Koffer schlug ihr mit Wucht gegen die Schläfe. Die einen rappelten sich auf, die anderen riefen anklagend nach vorne, warum man die gleichförmige Fahrt durch die tiefen Wälder so abrupt unterbrochen hätte. „Was ist denn passiert?!“ – „Muss man da so bremsen?!“ Der Busfahrer saß noch auf seinem Platz und starrte auf die Straße. Er machte mehrere Kreuzzeichen. Schon standen die ersten auf, drängten nach vorne. „Was ist denn das für eine Kreatur? Sieht ja schauerlich aus.“ Der Fahrer öffnete die Türen. Draußen bildete sich ein Kreis um die Attraktion. Nun stieg auch sie aus, schob sich durch die Umstehenden, während ihr Blut zähflüssig am Ohr entlanglief, den Hals hinab.
Zuerst hielt sie das Wesen für eine Katze, aber es war ein Flughund. Pechschwarzes Fell. Er versuchte nicht zu fliehen, sah nur von einem zum anderen. Und dann zu ihr, als hätte er auf sie gewartet. Sonderbare Augen. Groß und blau. Als lebte ein wacher Verstand darin. Sie zog die Bluse aus, trat vor, legte sie über das Tier und hob es auf.
„Was machen Sie denn da?! Das hat vielleicht Tollwut oder sonst eine Seuche.“ – „Es muss zum Arzt“, sagte sie bestimmt und stieg, das Tier vorsichtig an sich drückend, wieder ein. Murrend, eine Kontamination befürchtend, kamen die anderen zögerlich nach. Strafende Blicke. Ängstliches Beäugen. Aber das Tier ließ sich willig tragen und drückte sich behaglich an ihre Brust. Nach einer Weile, schon im Dämmerlicht, regte es sich. Wollte weiter hinauf. Sie ließ es gewähren, half ihm sogar. Als sie das raue Streichen der kleinen Zunge spürte, die emsig über das trockene Blut leckte, war sie nicht im Mindesten überrascht. Nein, sie hatte es längst vorweggenommen. Nur der sachte Biss der scharfen Zähne war in seiner traumlosen Ausführung doch überraschend. „Auch ich habe auf dich gewartet“, flüsterte sie und schloss die Augen, während der Bus sie weiter durch die Dunkelheit der karpatischen Wälder trug.

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Findetier