Die letzte Seuche

»Die letzte Seuche«

Geschrieben │ 2023, April bis 2023, Juni
AnlassAnthologie-Ausschreibung des Elysion Verlag
Parameter │ Gute Zombies, Böse Zombies, Zombie-Zombies. Manche kommen wieder, um sich an einer einzien Person zu rächen, manche wollen gleich die ganze Menschheit vernichten. Und andere haben einfach nur Hunger. Oder gibt es auch andere Wiedergänger?
Umfang │ Bis zu 36.000 Zeichen

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Inhalt

Juno ist so gut wie tot. Sie hat die Seuche, die jeden in einen Zombie verwandelt. Deshalb ist sie untergetaucht und versteckt sich in einer Hütte draußen im Wald. Wenn der Zivilschutz sie findet, wird sie in eins der tausend Camps gebracht – und das darf auf keinen Fall passieren.

Auszug

Tag 58
Mein Name ist Juno und ich werde sterben. Nicht irgendwann, sondern in zwei Wochen. Mehr ist nicht drin. Wenn die ersten Ausfallerscheinungen eintreten, im Jargon der Apokalypse nennen wir sie »Aussetzer«, dann ist es Zeit, mir den Schuss zu setzen. Wenn ich merke, dass ich zu feige bin, dann wird Mark den Zivilschutz verständigen. So lautet unsere Vereinbarung. Denn was ich wirklich nicht sein möchte, ist ein weiterer Shedding-Multiplikator. Was ich aber auch nicht sein will, ist eine rechtlose Ansammlung von Biomüll, die in einem der Camps darauf wartet, fristgerecht entsorgt zu werden.
Das Schreiben ist sowas wie eine Beschäftigungstherapie gegen die Langeweile und die Einsamkeit hier draußen. Eine Art Abrechnung mit vergangenen Generationen, denen wir dieses Ende verdanken und eine Warnung an den Menschen der Zukunft, wenn es denn eine Zukunft für ihn gibt. Oder poetischer: Mein Abschiedsbrief an das verrinnende Leben in einer verlöschenden Zivilisation.

Tag 59
Unter »Zombie Apokalypse« habe ich mir immer fulminante Action vorgestellt. Eine Zeit der Helden und der Freundschaft. »The Walking Dead«, aber eben in echt. Man zieht durch das Land, immer auf der Suche nach Nahrung und Sicherheit, zehrt von den letzten Resten Infrastruktur und Zivilisation. Klar, gibt es Bad Boys, aber im Großen und Ganzen hält die Gruppe eisern zusammen und verlässt sich aufeinander. Eine Zeit, in der jeder an seine Grenzen kommt, aber gleichzeitig auch über sich hinauswächst. Unmögliches wird möglich. Ein gesamtgesellschaftliches Heldenepos.
Aber so ist es nicht. Überhaupt nicht. Die echte »Zombie Apokalypse« ist in erster Linie geprägt von unermesslicher Bürokratie.
[…]

»Eine echt schlechte Idee«

Geschrieben │ 2023, Februar
Anlasseigene Instagram-Challenge
Parameter │ #13OGNichtDrücken
Umfang │ offen/beliebig

 

Sabrina stand in ihrer viel zu dünnen Strickjacke zitternd auf dem Opernplatz und hauchte sich in die Hände. Es war stockfinstre Nacht, gefühlt minus 10 Grad. Kerstin saß auf dem eiskalten Marmorstufen und heulte.
Sabrina hätte Kerstin gerne an den Haaren gepackt und geschüttelt, denn es war schließlich Kerstins Idee gewesen noch mal runterzufahren – „eine rauchen“ – und es war ihre Scheißidee gewesen, auf diese gottverdammte Taste zu drücken. Eine Taste auf der ein kleines, gelbes Post-it klebte, mit der Aufschrift: „13. OG Nicht drücken“. Wer schreibt so ein idiotisches Post-it?! Und wer ist dann auch noch so umnachtet und drückt auf diese Taste?
Zumindest die Antwort kannte sie: Ihre Kollegin Kerstin. Danke vielmals!
Und dabei hatte der Abend so gut angefangen. Ein Sekt vor der Firmenweihnachtsfeier. Ausgelassene Stimmung. Fetter Bonusbrief. Alles an diesem Abend deutete auf ein grandioses Event hin. Bis Kerstin meinte: „Ich geh runter, eine rauchen. Kommst du mit?“ Und Sabrina, mit dem Sektglas in der Hand, nickte. „Klar.“ Vermutlich die größte Fehlentscheidung ihres Lebens. Nein, ganz sicher sogar.
Anders als Kerstin rauchte Sabrina normalerweise nicht, nur bei geselligen Gelegenheiten wie diesen. Und so hatten sie unten die Kippen weggezogen – Kerstin im fetten Daunenmantel, Sabrina in ihrer schwarzen Strickjacke, da sie ihren Mantel oben gelassen hatte –, und gingen dann wieder durch die Lobby zu den Aufzügen, stiegen ein und eigentlich hätte Kerstin nur auf die „11“ drücken müssen und alles wäre paletti gewesen. „11“, ihr Stockwerk. „11“, die Etage auf der sich die Kollegen gerade Sekt hinter die Binde kippten und gleich zur Weihnachtsparty in einer der besten Locations der Stadt aufbrechen würden.
Aber Kerstin drückte nicht die „11“, sondern sagte: „Hah! Das klebt ja immer noch dran. Jetzt will ich es aber wissen!“, und drückte die Taste „13“, die von einem gelben Post-it abgedeckt war.
„Spinnst du?!“, sagte Sabrina, aber es wär zu spät. Die Türen schlossen sich und die Zahl „13“ leuchtete glühend rot unter dem gelben Post-it auf. „Wenn wir gleich steckenbleiben, dann regelst du das mit dem Notrufknopf.“
„Du immer mit deiner Panik-Nummer. Die machen da bestimmt nur den Boden. Oder vielleicht irgendwas Spannendes.“
Sabrina überlegte, ob sie nicht noch auf die „11“ drücken sollte. Sie tat es nicht. Und sie wusste warum. Keine schmeichelhafte Erklärung: Kerstin war die Coolere von ihnen. Die Ältere, die Erfahrenere. Die beste Arbeits-Freundin. Der Spruch eben war schon wieder genug. Sabrina wollte nicht zum hundertsten Mal Spaßbremse und Spielverderberin sein. Dann würde halt der Aufzug stecken bleiben, na und? Der Pförtner war da. Das Gebäude befand sich in der Innenstadt. Spätestens in einer Stunde wären sie befreit – das zumindest redete sie sich ein, während die Tasten rot aufleuchteten, sobald der Aufzug an ihnen vorbeizog. Ein leises *Kling* und die Aufzugstür öffneten sich auf dem 13. Stockwerk.
Der Flur war normal beleuchtet. Der Aufzug machte keine seltsamen Geräusche. So weit, so gut. Sabrina streckte den Arm aus, um auf die „11“ zu drücken, aber Kerstin zog sie auf den Gang. „Jetzt lass uns doch mal wenigstens umschauen.“
Die Türen links und rechts zu den eigentlichen Büroflächen standen offen. Die Fläche war vollkommen leer: keine Möbel, kein Teppichboden, nur blanker Beton, keine Lampen, nur Kabel die von der Decke hingen und aus dem Bodentanks ragten.
„Wer war nochmal hier drin? War das diese chinesische Bank?“
„Keine Ahnung. Kann sein.“
Sie traten in die Finsternis und sahen aus dem Fenster auf die Skyline der Stadt. Kein ungewöhnlicher Anblick, ihr Büro lag ja nur zwei Stockwerke tiefer – obwohl die absolute Leere und Dunkelheit durchaus unheimlich waren.
Ein Lichtschein spiegelte sich in der Schreibe, den sie fast gleichzeitig bemerkten: Es war ein Leuchten von ganz weit hinten im Raum. Sie gingen darauf zu. Es sah aus wie der Schein einer Nachtlampe. Der Lichtbogen changierte in allen Farben und hatte die exakte Form einer auf dem Boden liegenden Halbkugel.
„Bleib da weg“, sagte Sabrina. „Da ist bestimmt irgendwas mit den Stromkabeln.“
Kerstin, oh Wunder, blieb tatsächlich stehen und sie betrachteten den Lichtbogen aus einigen Metern Entfernung. Aber dann tat es plötzlich einen Schlag und das Licht explodierte, hüllte sie vollständig ein, um im nächsten Moment wieder seine vorherige Form anzunehmen, als wäre nichts gewesen.
Sabrina fühlte Schwindel und machte ein paar taumelnde Schritte rückwärts. Als sie sich wieder einigermaßen gefangen hatte, wandte sie sich sofort zu den Aufzügen. „Ich hau hier ab. Auf noch so ein Blitzdings hab ich echt keinen Bock.“
Kerstin folgte ihr wortlos. Das Licht im Flur erschien Sabrina, wie die Rettung. Sie drückte den Knopf und einer der Aufzüge öffnete sofort die Tür. Sabrina drückte die „11“ und war froh, nun wieder in den vorhersehbaren Ablauf des Abends einzuschwenken. Sie stiegen aus und Kerstin hielt ihre Keycard vor das Lesegerät, um die Büroräume ihres Arbeitgebers zu betreten. Aber die Tür ging nicht auf. Kerstin versuchte es noch mal. Keine Reaktion. Sie gingen auf die andere Seite des Flurs und versuchten es dort. Gleiches Ergebnis. Sie klopften an die Glasscheibe, aber niemand kam.
„Das Licht ist auch aus. Vielleicht sind alle schon rübergegangen.“
„Kann sein, aber ich hätte gerne meine Tasche und den Mantel.“
„Irgendwas ist mit meiner Keycard. Wollen wir unten den Portier fragen, ob er uns reinlässt?“
Sie fuhren runter in die Lobby und gingen zum Portier, der hinter dem Counter saß und in ein Kreuzworträtsel vertieft war. Kerstin erklärte die Situation.
„Kann ich nicht, tut mir leid.“ Der Portier deutete auf einen Monitor. „Der Empfang Ihrer Firma ist nicht mehr besetzt. Ohne Freigabe geht das nicht. Da könnte ja jeder kommen.“
Die anschließende Diskussion, dass Kerstin die Keycard ja in Händen hielt, sie aber nur nicht funktionierte, stimmte den Mann nicht um.
„Was weiß ich, was das für eine Karte ist. Das muss am Montag Ihr Office Management regeln. Wie gesagt: Tut mir leid, is aber so.“ Damit wandte er sich wieder seinem Kreuzworträtsel zu.
„Und jetzt?“, fragte Sabrina. „Was machen wir jetzt?“
„Wir laufen rüber. Die 200 Meter wirst du überleben. Zur Not geb ich dir meinen Mantel. Dann leihen wir uns von irgendwem ne Keycard und holen dein Zeug.“
Sie liefen im Stechschritt über den Opernplatz, die große Treppe hinauf ins „Opera“, wo heute Abend ihre Firmenweihnachtsfeier steigen würde. Hinter der Tür, aus der wohltuende Wärme quoll, empfing sie eine Concierge. „Tisch für zwei?“
„Firmenfeier von Overmann und Leitner LLP … Dachte eigentlich, wir wären heute ne geschlossene Gesellschaft.“
Die Concierge sah sie irritiert an und blätterte in ihrem Buch. „Tut mir leid. Heute ist hier keine Firmenfeier.“
Diese Aussage war so absurd, dass Kerstin und Sabrina unisono auflachten. Die letzten vier Wochen hatte die Planung dieser Feier den größten Teil ihrer Arbeitszeit in Anspruch genommen. Karten, Mailings, Menü-Abstimmung – eine Verwechslung war absolut ausgeschlossen. Nach einer fünfzehn-minütigen Diskussion, in die schließlich der Eventmanager involviert wurde, der sich aus unerfindlichen Gründen nicht an Kerstin erinnern wollte, obwohl sie erst gestern noch mit ihm telefoniert hatte, standen Kerstin und Sabrina im Windfang zwischen eisiger Nacht und wohlig warmer Restaurantluft.
„Wieso erinnert er sich nicht?“, sagte Kerstin mehr zu sich. „Das kann doch gar nicht sein. Das macht doch alles keinen Sinn.“
Doch, das macht durchaus Sinn, dachte Sabrina, aber wagte es nicht mal in Gedankenworte zu fassen. „Hast du dein Handy dabei?“
Kerstin zog es aus der Manteltasche.
„Ruf jemanden an. Irgendjemanden, der uns hier abholen kann.“
„Okay“. Kerstin scrollte durch die Kontakte und hielt sich das Handy ans Ohr. „Hi, ich bin’s. Du – wie ‚wer‘? Kerstin … Kerstin Hoffmann. Was ist denn mit dir los? Bist du betrunken? … Spinnst du?!“ Sie ließ das Handy sinken und sagte tonlos zu Sabrina: „Mike … er hat aufgelegt … ‚Du hast echt Nerven‘, hat er gesagt. Was soll denn das heißen?! Ich kapier gar nichts mehr.“
Sabrina fühlte dort im Windfang des Opera einen Anflug von Übelkeit. Auf diese Taste des Aufzugs zu drücken, das war eine echt schlechte Idee gewesen. Diese Geschichte würde kein gutes Ende nehmen und nicht nur, weil Mike Kerstins Ehemann war.
„Gib mir mal dein Handy.“ Kerstin gab es ihr und Sabrina tippte „Overmann & Leitner LLP“ in die Suchmaschine. Sie las die Adresse und schloss die Augen.
„Was?“ Kerstin nahm ihr das Handy ab und sah auf den Bildschirm. „Das … das ist die alte Adresse. Das ist unmöglich.“
Die Restauranttür wurde geöffnet und die Concierge sagte: „Ich bitte Sie, den Eingangsbereich jetzt wieder freizumachen, danke.“
Sie nickten der Concierge zu. „Schau nach meiner Nummer“, sagte Sabrina. „Bin ich gespeichert?“
„Natürlich bist du –“ Kerstin scrollte und scrollte und tippte Sabrinas Namen ein. Sie schüttelte den Kopf. „Was bedeutet das?“
„Kapierst du das echt nicht?!“
„Nein!“
„Das Ding war ein fucking Portal. Wir sind auf irgendeiner parallelen Zeitebene gelandet.“
„Wie kommst du denn auf so einen Schwachsinn?!“
„Wann ist Overmann in die alte Adresse gezogen? ’98? Wann hast du dein Firmenhandy bekommen? 2005? Und wann ist Overmann an den Opernplatz gezogen? 2013?“
„Und? Was bringt uns das?“
„Der Zeitbruch liegt zwischen 2005 und 2013.“
„Was hat mein Handy damit zu tun? Ich versteh nur Bahnhof.“
„Weil es geht. Weil du deine Nummer schon hattest. Weil Mike drin ist, aber ich nicht. Du hast damals mit ihm Schluss gemacht.“
„Gehen Sie jetzt bitte“, sagte erneut die Concierge. „Sonst muss ich den Manager holen.“
Sie verließen widerwillig den Windfang und traten in die eiskalte Schwärze hinaus.
„Also sind wir jetzt in einem ganz anderen Leben gelandet? In dem wir beide uns eigentlich nicht kennen, ich nicht mit Mike verheiratet bin und Overmann nicht umgezogen ist? Zumindest nicht hierher.“
„Wenn wir Glück haben, dann können wir diesen Zeitlauf zu Ende leben. Wenn wir Pech haben, dann gibt es dich und mich hier schon.“
„Und dann?“
Sabrina zuckte mit den Schultern. „Dann lösen wir uns vermutlich demnächst auf, weil eine derartige Anomalie nicht geduldet wird.“
Kerstin sank in ihrem dicken, fetten Daunenmantel auf die Marmorstufen und heulte.
Sabrina hätte sie gerne an den Haaren gepackt und durchgeschüttelt. So eine verdammte Scheißidee!

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13. OG nicht drücken

Foto: Johanna Wolfmann
(Fundstück aus der Realität. Dieses Post-it klebte tatsächlich in allen Aufzugskabinen eines relativ großen Bürogebäudes in der Frankfurter Innenstadt.)

Glutnacht-Anthologie Auswahl

»Schattenmädchen«

Geschrieben │ 2022, November bis 2023, März
Anlass│ Anthologie-Ausschreibung
Parameter │ Ein Fabelwesen mit eindeutigem Bezug zu Feuer und in einer zentralen Rolle, idealerweise aus der Folklore oder einer bereits existierenden Sage oder Feuer selbst als zentrales Element der Geschichte.
Umfang │ Zwischen 4.000 und 10.000 Wörtern
Veröffentlichung │ 31. Oktober 2023 in der Anthologie »Glutnacht«; dritter Teil der »Dunkle Folkore«-Reihe.

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Inhalt

Die Alten haben vor langer Zeit einen teuflischen Pakt zum Schutz des Tals geschlossen. Seitdem wird jedes Jahr ein Mädchen geopfert. Die Wahl des Opfers trifft der Dämon selbst, indem er seinen Schatten auf das Mädchen wirft. Am Tag der Sommersonnenwende wird die Auserwählte auf dem Scheiterhaufen verbrannt. In diesem Jahr ist es Valeria. Aber als das Feuer auflodert, geschieht etwas Unerwartetes: Sie überlebt und findet sich im Reich des Dämons wieder. Ein gedankliches Ringen beginnt, das Freund und Feind in Frage stellt.

»TimeTravelPro«

Geschrieben │ 2023, Februar
AnlassInstagram-Challenge/Schreibwettbewerb „Bookdate Contest“
Parameter │ Aus einem der drei Genres Romance, Fantasy oder Crime einen Text über das Thema „Ich hab noch nie …“ verfassen, mit passendem Bild.
Umfang │ Maximal 2.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen)

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Der letzte Kunde betrat den Meetingraum und Leyla grüßte ihn zuvorkommend. Leyla arbeitete seit 5 Jahren als TravelStewardess. Sie war für das Einführungsbriefing zuständig und für die Kontrolle der standardmäßig implantierten Trackerchips – Sensoren, mit denen das System die Kunden von ihren Reisen zurückholte. Jeder Trip war auf maximal drei Stunden beschränkt, die so viel kosteten wie Leylas Jahresgehalt.
„Herzlich willkommen bei TimeTravelPro. Ich erläutere Ihnen im Folgenden den Verhaltenskodex und dann kontrolliere ich Ihre Tracker. Sollten Sie Fragen haben, stehe ich jederzeit gerne zur Verfügung.“
Wie oft hatte sie diesen Satz gesagt? Und genauso oft hatte sie die Regeln erklärt. Aber im Grunde gab es nur eine von Belang: Es war strikt untersagt, einen TimeNative über zukünftige Ereignisse zu informieren.
Short Story »TimeTravelPro«

Was schlicht daran lag, dass TimeTravelPro exakt 14 TimePoints anbot, aus denen die Traveler auswählen konnten. 14 Zeitpunkte in der Menschheitsgeschichte, die eins gemeinsam hatten: alle unmittelbar vor einer Katastrophe. Es spielte also keine Rolle, ob die TimeNatives etwas Seltsames beobachteten – sie wären binnen weniger Stunden ohnehin ausgelöscht.
Der Konzern konnte nicht sehen, was die Travelers während ihres Aufenthalts anstellten – außer sie schickten Guides mit (was vorkam), aber oft konnte man es durch die derben Gespräche beim Debriefing erahnen. In 9 von 10 Fällen war es dasselbe Motiv.
Während Leyla die Gruppe zu ihren TravelUnits führte – luxuriös gepolsterte Glasröhren – dachte sie wie stets darüber nach, welchen TimePoint sie wählen würde. Was wäre die perfekte Epoche? Der beste Ort? Und was wäre, wenn sie sich dort den TrackerChip aus dem Arm schneiden würde?
„Ich hab noch nie in so einem Ding gelegen“, sagte eine besorgte Kundin im reiferen Alter, als Leyla die Verbindungen in deren Unit prüfte.
„Entspannen Sie sich“, erwiderte Leyla lächelnd. „Sie werden höchstens Schwindel empfinden. Ihr Erlebnis mit TimeTravelPro ist völlig sicher.“

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Nachbemerkung

Kurzgeschichten, zumal so hart beschränkt (< 2.000 Zeichen), sind üblicherweise keine Spielwiese, auf der ich mich gerne austobe. Das hat vor allem einen Grund: Wenn ein Wettbewerb bei mir Resonanz auslöst, also direkt Ideen triggert, dann investiere ich nicht wenig Zeit und Grips, damit sie reifen können. Oft gibt es dann einen Pfad, den diese Idee einschlägt, der zu einer komplexeren Geschichte führt – also kurz vor Roman. Dann setze ich mich an den Rechner und fange an zu schreiben – für den Wettbewerb – und die Zeichen zerrinnen mir unter den Tasten. Und dann heißt es: wegschlagen, loslassen, neuorientieren, bis dann nur noch der nackte Knochen der Idee übrigbleibt. Das ist ein interessanter Prozess, aber keiner, der mir besonders zusagt. Er reduziert zu brutal. Und auch jeder mögliche Satzrhythmus geht flöten, weil der Zeichen-Freiraum dazu fehlt. Diese Kurzgeschichte, die ich nur für diesen Wettbewerb geschrieben habe, wollte in der Ideenfindungsphase ganz woanders hin – es hätte Traveler gegeben, die im antiken Pompeji stranden und dann umgehend zurückgeholt werden müssen, ehe Erdbeben und Vulkanausbruch die Stadt verschlucken, nur gibt es bei der Rückholung erneut Probleme und … Tja, aber eben nicht bei < 2.000 Zeichen. Andererseits war so manche Kurzgeschichte genau das: der Ideenkern für einen Roman.

Short Story »TimeTravelPro«
Short Story »Fallengelassen«

»Fallengelassen«

Geschrieben │ 2022, August
Anlass│ Eigene Instagram-Challenge
Parameter │ #BlackEyesAreLegion in Anlehnung an die epochale Serie »Black Mirror«. (Weil wir in einen schwarzen Spiegel blicken, wenn unsere Devices ausgeschaltet sind). »Black Eyes«, weil die privaten und öffentlichen Kameras schwarze Augen sind, die zunehmend jeden unserer Schritte verfolgen. Und »Legion« in Anlehnung an den alttestamentarischen Dämon »Legion« — »Viele«. »We are Legion.« / »Wir sind viele.« Unter dem Hashtag #BlackEyesAreLegion werde ich diese Kurzgeschichten posten. Wenn euch zu den Stichworten Überwachung, Staatsmacht, Beweisumkehr, Kontaktschuld, Regelverstoß, Ordungswidrigkeit, etc. etwas einfällt, bei dem Überwachungstools (bspw. auch Sprachassistenten [Alexa, Siri …] oder Handykameras) eine Rolle spielen, seid herzlich eingeladen, den Hashtag zu verwenden und mich zu taggen.
Umfang │ 5.925 Zeichen (inklusive Leerzeichen)

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Sie saß nun schon seit knapp zwei Stunden auf der Polizeiwache und wartete darauf, dass ihre Anwältin aus dem Besprechungsraum zurückkam. Die Zeit, auf dieser alten, harten Bank, die auf dem grauen Flur der Wache stand, dehnte sich, wie sich Zeit noch nie gedehnt hatte. Das lag vermutlich am Adrenalin.
Unfassbar, dachte sie zum hundertsten Mal an diesem Abend, wie sich das komplette Leben in einem einzigen Augenblick auflösen konnte. Eben war noch alles gut. Und dann ein Klingeln an der Haustür. Ende. Das Leben, wie sie es gekannt hatten, war vorbei. Und wegen was? Einer nichtigen Rebellion. Nichts Weltbewegendes – eigentlich.
„Silke Feld?“, hatte der Beamte an der Haustür gefragt.
„Ja, das bin ich. Wie kann ich Ihnen helfen?“, hatte sie geantwortet. Unbesorgt. Aufrecht. Sie hatte sich nichts zuschulden kommen lassen. Nichts. Sie zahlten ihre Steuern, verdienten viel Geld, hatten ein prächtiges Haus, einen großen Garten und zwei wunderbare Kinder – ein perfektes Leben.
Sie war mit absoluter Sicherheit davon ausgegangen, dass die zwei Polizisten wegen etwas völlig Trivialem vor der Tür standen – denn ein Unfall konnte es nicht sein, Jörg war zuhause und die Kinder ebenso.
„Frau Feld, wir sind hier, um Ihren Sohn Tobias auf die Wache zu bringen. Hier ist der Beschluss.“
Sie hatte das Dokument an sich genommen, aber gelacht, weil jedes Wort des Mannes absurd war. Völlig absurd. „Wie bitte? … Ich verstehe nicht.“
„Frau Feld, Ihr Sohn hat den Tod eines Menschen zu verantworten.“
„Was?!“, hauchte sie. „Mein Sohn ist dreizehn. Was –“
„Wie gesagt, hier ist der Beschluss. Wir werden Ihren Sohn jetzt mitnehmen. Es steht Ihnen frei, ihn zu begleiten. Allerdings wird er mit Sicherheit noch heute Abend dem Jugendamt übergeben.“
Danach Filmriss. Sie hatte vermutlich nach Jörg gerufen. Vielleicht war Jörg inzwischen auch selbst zur Tür gekommen. Sie konnte sich nicht erinnern. Verlässliches Denken setzte erst wieder auf der Wache ein. Im Verhörraum, wo ihr der Sachverhalt dargelegt wurde: Ihr dreizehnjähriger Sohn, ein guter Schüler mit vielen Hobbys, ein wohlerzogenes Kind, hatte mit Freunden zusammen bei einem Fastfood-Restaurant Hamburger gekauft – etwas, das Silke überhaupt nicht gut fand. Das war der erste Akt der Rebellion, der auf die Mutter zielte. Der zweite Akt der Rebellion war, dass Tobias das Verpackungspapier einfach fallen ließ.
Silke hatte sich geweigert, das zu glauben. „Nein, Sie müssen sich täuschen. Das würde er nie tun.“
Der Beamte hatte einen Knopf auf der Fernbedienung gedrückt und der Monitor an der Wand zeigte Bilder einer Überwachungskamera. Silke kannte den Weg. Sie kannte diese Kamera.
Die Aufnahme zeigte Tobias mit seinen Freunden. Die Jungen lachten und stießen sich an. Sie öffneten die braunen Tüten und wickelten die Hamburger aus ihren glatten, dünnen Papieren. Und da war’s, zweifelsfrei, unbestreitbar: Tobias ließ das Papier einfach los. Es flog, groß und ungefaltet, einen Augenblick von einem Windzug getragen durch die Luft, ehe es zu Boden schwebte. So what? Davon geht die Welt nicht unter. Sie würde natürlich ein gewaschenes Wörtchen mit ihm reden.
„Okay, aber –“, der Beamte hob den Finger und signalisierte ihr, auf das Kommende zu achten. Die Aufnahme hatte keinen Ton, man hörte keine Stimmen, aber offensichtlich hatte jemand hinter den Jungs etwas gerufen, denn sie drehten sich um. Jetzt erschien ein Mann, der mit ausgestrecktem Arm hinter sich zeigte. Vermutlich auf das Papier, das inzwischen weitergesegelt war.
Tobias – ihr dreizehnjähriger Sohn, der ihres Wissens nach, niemals etwas Derartiges getan hatte – hob die Hand und zeigte dem Mann den Mittelfinger. „Fuck you“, sagte Tobias. Das musste man nicht hören, man sah es. Die dritte Rebellion. Eine Rebellion gegen das Bestehende. Gegen Anstand und Regeln. Aber eine erwartbare Erscheinung der beginnenden Pubertät. „Hören Sie“, begann Silke, aber der Beamte schnitt ihr erneut mit einem Fingerzeig das Wort ab. Der Beamte drückte auf die Fernbedienung und die Bilder der Überwachungskamera zogen im Schnelldurchlauf über den Monitor. Menschen gingen von links nach rechts. Von rechts nach links. Zwischen all den Passanten schwebte immer wieder das dünne, seidige Papier in den Blickwinkel der Kamera. Wurde vom Wind nach rechts geweht. Nach links. Flog auf, sank nieder. Einmal drehte es mehrere Kreise an der Hauswand. Und dann lag es plötzlich still. Mitten auf dem Weg. Der Beamte ließ die Aufnahme nun mit normaler Geschwindigkeit weiterlaufen. Eine ältere Frau kam von links. Sie suchte etwas in ihrer Tasche, als sie auf das Papier trat. Die glatte Oberfläche des seidigen Papiers auf dem glatten Stein des Gehwegs: Sie rutschte augenblicklich aus, fiel nach hinten und schlug mit dem Kopf auf. Eine Aufnahme ohne Ton, aber Silke hatte das Gefühl, den dumpfen Schlag brechender Schädelknochen zu hören. Mehr noch: Sie fühlte die Wucht.
Die Frau blieb reglos liegen. Passanten kamen. Kümmerten sich. Unter dem Kopf der Frau breitete sich indessen ein dunkler Fleck aus, rann in die Ritzen der glatten Steine.
„Das ist Katja Lehmann“, sagte der Beamte. „Sie ist heute Nachmittag verstorben. Sie hinterlässt einen Mann, zwei erwachsene Kinder und drei Enkel.“
Was sollte sie sagen? Was könnte sie hervorbringen, um das Geschehene zu relativieren? Der Wind? Die glatten Steine? Die Unachtsamkeit der Frau?
Alles war zusammengekommen, hatte sich verschworen, gegen einen dreizehnjährigen Jungen, der nichts als ein Papier fallengelassen hatte.
Die Tür am Ende des Flurs öffnete sich und die Anwältin kam auf Silke zu.
„Frau Feld“, sagte die Anwältin im fahlen Neonlicht des Flurs. „Es tut mir sehr leid, aber der verschärfte Gefährder-Paragraph aus 2026 greift. Ihr Sohn wird mindestens bis zur Volljährigkeit in einer Erziehungsanstalt bleiben. Das Sorgerecht ist Ihnen und Ihrem Mann mit sofortiger Wirkung entzogen. Der Rechtsweg ist – aufgrund der eindeutigen Beweislage – leider ausgeschlossen.“

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»Findetier«

Geschrieben │ 2022, August
Anlass│ Instagram-Challenge
Parameter │ Eine Reisegruppe ist auf dem Weg zu einer Touristenattraktion. Plötzlich macht der Bus eine Vollbremsung; die Gepäckstücke fliegen durch die Gegend und wer nicht angeschnallt ist, fällt vom Sitz. Was ist passiert?
Umfang │ Maximal 2.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen)

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Ein Koffer schlug ihr mit Wucht gegen die Schläfe. Die einen rappelten sich auf, die anderen riefen anklagend nach vorne, warum man die gleichförmige Fahrt durch die tiefen Wälder so abrupt unterbrochen hätte. „Was ist denn passiert?!“ – „Muss man da so bremsen?!“ Der Busfahrer saß noch auf seinem Platz und starrte auf die Straße. Er machte mehrere Kreuzzeichen. Schon standen die ersten auf, drängten nach vorne. „Was ist denn das für eine Kreatur? Sieht ja schauerlich aus.“ Der Fahrer öffnete die Türen. Draußen bildete sich ein Kreis um die Attraktion. Nun stieg auch sie aus, schob sich durch die Umstehenden, während ihr Blut zähflüssig am Ohr entlanglief, den Hals hinab.
Zuerst hielt sie das Wesen für eine Katze, aber es war ein Flughund. Pechschwarzes Fell. Er versuchte nicht zu fliehen, sah nur von einem zum anderen. Und dann zu ihr, als hätte er auf sie gewartet. Sonderbare Augen. Groß und blau. Als lebte ein wacher Verstand darin. Sie zog die Bluse aus, trat vor, legte sie über das Tier und hob es auf.
„Was machen Sie denn da?! Das hat vielleicht Tollwut oder sonst eine Seuche.“ – „Es muss zum Arzt“, sagte sie bestimmt und stieg, das Tier vorsichtig an sich drückend, wieder ein. Murrend, eine Kontamination befürchtend, kamen die anderen zögerlich nach. Strafende Blicke. Ängstliches Beäugen. Aber das Tier ließ sich willig tragen und drückte sich behaglich an ihre Brust. Nach einer Weile, schon im Dämmerlicht, regte es sich. Wollte weiter hinauf. Sie ließ es gewähren, half ihm sogar. Als sie das raue Streichen der kleinen Zunge spürte, die emsig über das trockene Blut leckte, war sie nicht im Mindesten überrascht. Nein, sie hatte es längst vorweggenommen. Nur der sachte Biss der scharfen Zähne war in seiner traumlosen Ausführung doch überraschend. „Auch ich habe auf dich gewartet“, flüsterte sie und schloss die Augen, während der Bus sie weiter durch die Dunkelheit der karpatischen Wälder trug.

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Short Story »Findetier«